
Warum Tartu?
Vom 28. September bis zum 2. Oktober 2025 durften wir im Rahmen von Erasmus+ die VOCO Tartu besuchen – eine der führenden berufsbildenden Einrichtungen Estlands. Für uns, Martina Weber und Tim Krumkühler, war es weit mehr als eine Studienreise: Im Mittelpunkt stand der direkte fachliche und kollegiale Austausch. Unsere Leitfrage lautete: Wie arbeitet ein europäischer Spitzenstandort der digitalen Berufsbildung – und was können wir für Niedersachsen mitnehmen?
Die Mobilität war Teil des „Network BBS Europe“. In diesem Netzwerk bündeln niedersächsische berufsbildende Schulen und Studienseminare ihre europäischen Aktivitäten, um Erfahrungen und Konzepte aus anderen Systemen gezielt aufzugreifen.
Tartu war eine bewusste Wahl. Die Stadt gilt als digitaler Pionier Europas: klare strategische Strukturen, enge Verknüpfung mit der Universität, ein Berufsbildungssystem, das technologische und pädagogische Entwicklung konsequent miteinander verbindet. Vor Ort zu sehen, wie selbstverständlich diese Verknüpfung im Alltag gelebt wird, war für uns besonders eindrücklich.
Unser Ziel war es, diese Strukturen vor Ort kennenzulernen, in Ruhe einzuordnen und die Erkenntnisse in der medienpädagogischen Beratung zu nutzen.
Unsere Lernziele
Die Lernvereinbarung bildete den Rahmen der Mobilität. Sie definierte drei Schwerpunkte, die für unsere Arbeit im Fachbereich 53 zentral sind.
Digitale Best-Practice-Modelle verstehen: Wir wollten nachvollziehen, wie erfolgreiche europäische Schulen digitale Medienbildung organisieren: Welche technischen Strukturen tragen? Welche medienpädagogischen Ansätze gibt es? Welche professionellen Prozesse haben sich im Alltag bewährt – jenseits von Einzelprojekten?
Austausch zum Programm „Fortbildung für Fortbildende“ (FfF): Ein weiterer Schwerpunkt war der Dialog über unser Programm „Fortbildung für Fortbildende“. Uns interessierte, wie es sich im estnischen Kontext einordnen lässt, welche Rückmeldungen wir erhalten und welche Hinweise sich für die Weiterentwicklung ergeben.
Professionalisierung und schulische Unterstützungssysteme kennenlernen: Die Mobilität sollte außerdem zeigen, wie Fortbildung, digitale Infrastruktur, Unterrichtsentwicklung und Unterstützungsstrukturen in Estland zusammenwirken – und welche Elemente sich für Niedersachsen übertragen lassen.


Das estnische Berufsbildungssystem
Die Gespräche in der Stadt Tartu, an der Universität und an der VOCO ergaben ein Bild von einem Berufsbildungssystem, das klar strukturiert, durchlässig und prozessorientiert arbeitet. Die folgenden Beobachtungen fassen die wesentlichen Aspekte zusammen.
Struktur und Durchlässigkeit
Nach der 9. Klasse stehen zwei Wege offen:
der gymnasiale Weg über die Klassen 10–12
der berufsbildende Weg (VET) mit Abschlüssen auf EQF-Level 4
Das System ist so angelegt, dass Übergänge zwischen den Wegen möglich sind. Erwachsene können jederzeit neu einsteigen oder sich weiterqualifizieren. Die Orientierung am Europäischen Qualifikationsrahmen schafft eine gemeinsame Referenz für unterschiedliche Bildungswege und erleichtert die Einordnung von Abschlüssen.
Praxisorientierung
Ein zentraler Bestandteil der estnischen Berufsbildung ist der hohe Praxisanteil. Je nach Ausbildungsgang umfasst er 30 bis 70 Prozent der Gesamtzeit. Schulen und Betriebe arbeiten dafür mit verbindlichen Vereinbarungen, in denen Lernziele und Zuständigkeiten festgelegt sind. Für uns war besonders interessant, wie ernst Praxisphasen genommen werden und wie selbstverständlich sie in die Ausbildung eingebettet sind.
Steuerung und lokale Verantwortung
Tartu verwaltet seine kommunalen Schulen selbst. Für die VOCO bedeutet das kurze Entscheidungswege, eine flexible Anpassung an lokale Bedarfe und eine enge Kooperation mit der regionalen Wirtschaft. In den Gesprächen wurde deutlich, dass Berufsbildung in Tartu als strategisches Handlungsfeld der Stadt betrachtet wird – mit klaren Zuständigkeiten und sichtbarer Prioritätensetzung.
Aktuelle Herausforderungen
Estland steht vor Aufgaben, die vielen europäischen Bildungssystemen vertraut sind: die Umsetzung der verlängerten Schulpflicht, die bauliche Weiterentwicklung von Schulen, die Sicherung der Lehrkräfteprofessionalität und ein wachsender Unterstützungsbedarf. Auffällig war, wie offen über diese Herausforderungen gesprochen wurde und wie stark der Blick auf lösungsorientierte Prozesse gerichtet ist.


Digitale Lernumgebung an der VOCO
Die VOCO Tartu arbeitet mit einer digitalen Infrastruktur, die auf Stabilität und klare Abläufe ausgerichtet ist. Technik, Organisation und Unterrichtspraxis greifen eng ineinander, der Betrieb im Alltag verläuft weitgehend reibungslos. Viele Entscheidungen sind auf Dauer angelegt, nicht auf kurzfristige Projekte – genau das war im Besuch spürbar.
4.1 Technische Infrastruktur
Die IT-Landschaft der VOCO ist bewusst pragmatisch aufgebaut. Eine Gigabit-Anbindung über das akademische Netzwerk der Stadt bildet das Rückgrat. Server werden in einem professionellen Rechenzentrum außerhalb der Schule betrieben. Schülerinnen und Schüler, Mitarbeitende und Gäste nutzen getrennte WLAN-Umgebungen. Geräte und Server werden nach festen Zyklen erneuert. So entsteht eine Umgebung, in der Technik als verlässlich wahrgenommen wird.
Software-Ökosystem
Die VOCO kombiniert Microsoft 365 und Google Workspace. Beide Systeme ergänzen sich im Arbeitsalltag. Moodle dient als zentrale Lernplattform und ist fest etabliert. Hinzu kommen fachspezifische Programme für die unterschiedlichen Ausbildungsgänge. Die Administration erfolgt zentral, sodass Lehrkräfte mit klaren Standards arbeiten können und selten mit Grundsatzfragen der Technik aufgehalten werden.
Lernräume
Hybride Lernräume sind Teil des Schullebens. Die Ausstattung folgt einem praktischen Ansatz: Sie soll funktionieren. Dual-Monitor-Arbeitsplätze, zwei Kameras für hybride Szenarien, eine Dokumentenkamera, ein zusätzlicher Bildschirm und eine zentrale Umschalttechnik ermöglichen es, ohne großen Aufwand zwischen verschiedenen Lernformen zu wechseln. Für uns war beeindruckend, wie unaufgeregt und routiniert hybride Szenarien umgesetzt werden.
KI-Integration und Datenschutz
Künstliche Intelligenz ist im Kollegium etabliert. Lehrkräfte nutzen Werkzeuge wie Gemini oder Merlin AI sowie eine interne ChatGPT-API. Ergänzend betreibt die VOCO einen On-Premises-KI-Server auf Basis einer europäischen Open-Source-Lösung. So kann KI eingesetzt werden, ohne dass personenbezogene Daten die Schule verlassen. Die Kombination aus Innovationsbereitschaft und Datenschutzorientierung war für uns ein wichtiger Lernimpuls.
Verzahnung von IT und Pädagogik
Die VOCO arbeitet mit einer klaren Struktur: IT-Administration, First-Level-Support und spezialisierte Entwickler bilden die technische Seite. Auf der pädagogischen Seite stehen die „Educational Technologists“, die in den Fachbereichen verankert sind. Sie verbinden Unterricht und Technik und sorgen dafür, dass technische Entscheidungen pädagogisch rückgebunden sind – und pädagogische Anforderungen in die technische Weiterentwicklung einfließen.

Fortbildung und Schulentwicklung
Die Gespräche rund um Fortbildung und Schulentwicklung verdeutlichten, dass in Tartu eine Kultur gelebt wird, die auf Eigenverantwortung, klare Prozesse und eine enge Hochschulanbindung setzt. Die Strukturen wirken weniger formalisiert als in Deutschland, sind aber transparent und verbindlich.
Universitäre Lehrkräftebildung
Die berufliche Lehrkräftebildung liegt vollständig bei den Universitäten. An der Universität Tartu wird der Studiengang „Teacher of Vocational Training“ als Bachelorprogramm mit 180 ECTS (Europäisches System zur Übertragung und Akkumulierung von Studienleistungen) angeboten. Viele Studierende bringen berufliche Vorerfahrung mit und wählen die Lehrtätigkeit als zweite Karriere. Ein zentrales Element ist die kontinuierliche Arbeit mit E-Portfolios über zwei Jahre, in denen Lernfortschritte und Kompetenzentwicklung dokumentiert werden. Das schafft einen roten Faden im Studium.
Schulinterne Professionalisierung an der VOCO
Die VOCO steuert ihre Professionalisierung über ein zentrales Online-Portal. Lehrkräfte tragen dort Fortbildungsbedarfe ein und melden sich selbstständig zu Kursen an. Das Angebot reicht von reinen Moodle-Schulungen bis hin zur Erstellung von SCORM-Paketen. Kurse sind klar beschrieben, regelmäßig verfügbar und so organisiert, dass die Teilnahme gut planbar ist. Fortbildung wird nicht als Einzelereignis verstanden, sondern als fortlaufender Bestandteil der Professionalisierung – eine Haltung, die in vielen Gesprächen deutlich wurde.
Entwicklung digitaler Kompetenzen
Digitale Kompetenzen werden systematisch überprüft. Lehrkräfte absolvieren eine jährliche Selbsteinschätzung und eine verpflichtende Prüfung im Siebenjahresrhythmus. Parallel dazu führen alle persönliche Entwicklungsportfolios. Die Kombination aus Selbsteinschätzung, Prüfung und Dokumentation schafft eine klare Struktur, die im Kollegium etabliert ist und das Thema „digitale Kompetenz“ im Alltag verankert. 5
KI-Kompetenz im Kollegium
KI-Kompetenzen werden regelmäßig erhoben. Die Umfrage unter 154 Lehrkräften zeigte eine breite Spannweite: Einige arbeiten erst seit Kurzem mit KI-Werkzeugen, andere bereits regelmäßig und sicher. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für die weitere Fortbildungsplanung und zur Entwicklung von Supportangeboten, nicht zur Bewertung einzelner Personen. Dieser nicht-sanktionsorientierte Ansatz wurde immer wieder betont.
Austausch zum Programm „Fortbildung für Fortbildende“ (FfF)
Ein wiederkehrender Gesprächspunkt, auch innerhalb des „Network BBS Europe“, war das niedersächsische Programm „Fortbildung für Fortbildende“. Die Rückmeldungen aus Tartu machten deutlich, dass unser evidenzbasierter Fortbildungsansatz auf dem richtigen Weg ist. Für uns war dieser Dialog besonders hilfreich, weil er Perspektiven jenseits des eigenen Systems aufzeigte, ohne Anspruch auf direkte Vergleichbarkeit.


Unterstützungssysteme und Inklusion
Die VOCO Tartu verfügt über ein Unterstützungssystem, das zeigt, wie multiprofessionelle Zusammenarbeit im schulischen Alltag verankert sein kann. Die Strukturen sind klar beschrieben und im Kollegium sichtbar präsent.
Teamarbeit
Das Unterstützungssystem beruht auf einem Team, das verschiedene Professionen zusammenführt: Sozial- und Heilpädagogik, psychologische Beratung und Karriereberatung. Eine Lehrkraft übernimmt gezielt die sprachliche Unterstützung russisch- und ukrainischsprachiger Schülerinnen und Schüler. Durch diese Aufstellung stehen den Lernenden kontinuierlich Ansprechpersonen zur Verfügung – nicht nur in Krisen, sondern auch im Alltag.
6.2 Datengestützte Früherkennung
Informationen aus Bildungsnachweisen, den nationalen Informationssystemen EHIS (Eesti Hariduse Infosüsteem | Estonian Education Information System) und SAIS (SisseAstumiseInfoSüsteem | Estonian Online Application Portal), aus Anwesenheitslisten, Einstufungstests und Rückmeldungen der Mentorinnen und Mentoren werden zusammengeführt. Sie dienen als Grundlage für Beobachtung, Gespräche und Einschätzungen. So können Bedarfe früh sichtbar werden und gezielt aufgegriffen werden, bevor größere Probleme entstehen. Uns hat beeindruckt, wie selbstverständlich Daten hier als Unterstützung, nicht als Kontrolle, genutzt werden. 6
Förderung
Wenn Unterstützungsbedarf festgestellt ist, folgt die VOCO einem klaren Ablauf: Analyse der individuellen Situation, Erstellung eines Förderplans und regelmäßige Überprüfung. Dieser Prozess ist im Kollegium bekannt und sorgt dafür, dass Zuständigkeiten und Schritte nachvollziehbar sind. Unterstützung ist damit kein Zusatzangebot, sondern ein verlässlicher Bestandteil der Berufsschule.
Kooperationen und Netzwerkarbeit
Ein zentraler Teil der Mobilität war der fachliche Austausch – innerhalb der Reisegruppe und mit den Verantwortlichen der VOCO Tartu. Die Gespräche zeigten, wie die Schule ihre internationale Arbeit organisiert und welche Themen dort im Vordergrund stehen.
Internationale Arbeit an der VOCO
Die VOCO verfügt über ein Team, das internationale Aktivitäten koordiniert. Dazu gehören Mobilitätsorganisation, Projektmanagement und Kommunikation mit Partnerinstitutionen. Zuständigkeiten sind klar verteilt, Abläufe transparent, und die Schule ist darauf ausgerichtet, internationale Kooperationen strukturiert zu begleiten. Für uns war erkennbar, dass Internationalisierung hier zum Selbstverständnis der Schule gehört.
Austausch und Synergien
In den Gesprächen ging es unter anderem um Erfahrungen aus europäischen Projekten, digitale Bildungspraxis, Unterstützungssysteme und Fortbildungskonzepte. Auch innerhalb der niedersächsischen Gruppe ergaben sich Synergien. Die gemeinsame Teilnahme mit Daniel Harting vom Didaktischen Dienst des NLQ – FB 53, Schwerpunkt Berufliche Bildung, der über seine Schule an der Mobilität beteiligt war, ermöglichte einen unmittelbaren Austausch von Beobachtungen und Einschätzungen – noch während des Besuchs.
Zusammenarbeit zum #MethodenGuide | LERNEN DIGITAL
Der #MethodenGuide | LERNEN DIGITAL wurde vor Ort vorgestellt. Die integrierte Übersetzungsfunktion stieß auf besonderes Interesse, da sie eine Nutzung in estnischen Lerngruppen erleichtert. In den Gesprächen wurde mit Andrei Atškasov (Head of Projects | VOCO Tartu) die Möglichkeit einer Pilotnutzung besprochen. Für uns war das ein besonders erfreulicher Moment.


Ergebnisse und Fazit
Ergebnisse
Die Lernziele der Mobilität wurden vollständig erreicht. Die Gespräche und Beobachtungen gaben beeindruckende Einblicke in die Arbeitsweisen der VOCO Tartu – insbesondere in die digitale Infrastruktur, die Organisation von Support, den Einsatz von KI-Werkzeugen und die Formen der Professionalisierung. In Gesprächen wurde deutlich, dass der strukturierte Aufbau von „Fortbildung für Fortbildende“ in Tartu aufmerksam aufgenommen wurde, weil es dort kein vergleichbares Format in dieser Ausprägung gibt.
Für unsere Arbeit im NLQ sind mehrere Aspekte direkt nutzbar:
die Art des kollegialen Austauschs, die Abstimmung zwischen pädagogischen und organisatorischen Fragen, der Umgang mit digitalen Kompetenzen und Unterstützungsstrukturen.
Im Zusammenhang mit dem #MethodenGuide | LERNEN DIGITAL wurde am Ende der Mobilität vereinbart, ein Pilotprojekt an der VOCO Tartu vorzubereiten. Dass aus der Mobilität heraus ein konkretes Kooperationsvorhaben entsteht, werten wir als wichtiges Ergebnis.
Fazit
Die Mobilität nach Tartu hat gezeigt, wie Berufsbildung aussehen kann, wenn digitale Infrastruktur, Unterrichtsentwicklung und Unterstützungssysteme zusammen gedacht und konsequent organisiert werden. An der VOCO sind Abläufe und Zuständigkeiten klar benannt, vieles läuft routiniert – und trotzdem werden Schwierigkeiten und offene Fragen offen angesprochen.
Unsere Eindrücke sind von dem Auftrag geprägt, mit dem wir nach Tartu gereist sind. Wir haben vor allem auf Strukturen für digitale berufliche Bildung, Unterstützungssysteme und Professionalisierung geschaut. In diesem Kontext liefert der Besuch der VOCO Tartu klare Anregungen für kollegialen Austausch, Unterstützungsangebote und die Weiterentwicklung unserer medienpädagogischen Beratung – und schärft zugleich den Blick auf das eigene System.
Besonders eindrücklich war der Rahmen, in dem das geschieht: Estland grenzt direkt an Russland, in Regionen wie Narva leben viele russischsprachige Bürgerinnen und Bürger. In den Gesprächen – unter anderem mit dem stellvertretenden Bürgermeister – war spürbar, wie wichtig Unabhängigkeit, demokratische Institutionen und die Anbindung an Europa sind. Digitale Verwaltung, Infrastruktur und Berufsbildung werden vor diesem Hintergrund sichtbar ernst genommen.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass internationale Vergleichsdaten wie PISA für die Berufsbildung nur eingeschränkt Aussagekraft besitzen.
PISA misst die allgemeine Bildung bis etwa 15 Jahre, nicht die Qualität der anschließenden beruflichen Ausbildung. Estlands Spitzenwerte zeigen eine starke Basis, die eigentliche VET-Qualität wird dort – wie in Deutschland die duale Ausbildung – in PISA jedoch gar nicht abgebildet. Aussagen zur beruflichen Bildung müssen daher auf andere Indikatoren gestützt werden.
Der Vergleich deutscher und estnischer Berufsbildungssysteme ist ebenfalls nur bedingt möglich. Deutschland arbeitet mit einem stark betrieblich verankerten Dualsystem, während Estland überwiegend schulbasiert organisiert ist und Work-based Learning schrittweise ausbaut. Unterschiedliche Rollen der Betriebe, Prüfungsstrukturen und Zielprofile begrenzen eine 1:1-Vergleichbarkeit und erfordern jeweils eine systeminterne Betrachtung.
Hinzu kommt eine deutlich höhere Heterogenität in deutschen Berufsschulen, insbesondere in Ballungsräumen. Viele Lerngruppen sind geprägt durch unterschiedliche Erstsprachen, Bildungsbiografien und Fluchterfahrungen, was die Anforderungen an Sprachbildung, Diagnostik und Förderung erhöhen. Estland arbeitet dagegen in einem kleineren, vergleichsweise homogenen System, das eigene Herausforderungen hat, aber strukturell anders aufgestellt ist.
Vor diesem Hintergrund wird der europäische Rahmen besonders sichtbar. Der Vergleich mit Tartu zeigt nicht nur Unterschiede, sondern vor allem gemeinsame Anliegen: der Aufbau verlässlicher digitaler Infrastrukturen, die Sicherung der Professionalität, die Stärkung von Beratung und Unterstützung sowie der verantwortliche Einsatz von KI im Unterricht. Gerade weil die Systeme unterschiedlich funktionieren, macht Europa deutlich, wo gemeinsame Linien verlaufen – und wo Länder voneinander profitieren können, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren.
Zugleich zeigt die Mobilität, wie bedeutsam europäische Partnerschaften sind, um die eigene Arbeit im internationalen Rahmen zu verorten und Entwicklungen in Niedersachsen an gemeinsame europäische Ziele zurückzubinden. Der Besuch der VOCO Tartu steht damit für mehr als eine einzelne Dienstreise: Er verbindet konkrete fachliche Impulse mit einer klaren europäischen Verortung der niedersächsischen Berufsbildung.
